IVBS 2026: Fachkongress zum Binokularsehen
Der Schwerpunkt des 38. Jahreskongresses der Fachvereinigung IVBS (Internationale Vereinigung für Binokulares Sehen) lag in der Vermittlung praxisnaher Inhalte. Ausserdem wurde nach neun Jahren wieder der Hans-Joachim-Haase-Preis vergeben.

Der Kongress begann am Samstag mit Seminaren, die alle gut gebucht waren. Mehr Info zu den Seminarthemen auf www.ivbs.org unter Fortbildung. Auch die mittlerweile etablierten „Tischgespräche“ wurden wieder angeboten und von vielen Teilnehmern genutzt, um an den drei vorgesehenen Tischen über die drei angesetzten Themen zu diskutieren. Da viele langjährige MKH-Anwender mit praktischer Erfahrung unter den Kongressteilnehmern waren, ergab sich ein intensiver Austausch, und man konnte viel voneinander lernen. Junge Teilnehmer profitierten ebenso von den Gesprächen wie alte „Haasen“. Abends fand wie üblich die jährliche Generalversammlung der IVBS-Mitglieder und das gemeinsame Abendessen statt.
Am Sonntag eröffnete die Präsidentin den Kongresstag mit einer Zusammenfassung über Neuigkeiten und Pläne der IVBS, und moderierte den Tag mit den folgenden acht Vorträgen und der Preisverleihung.
Aufklärungsarbeit zum Binokularsehen
Den Eröffnungsvortrag am Sonntagmorgen hielt Jan Dominiczak zum Thema „Millionenreichweite für besseres Sehen – wie binokulares Sehen Bildungschancen sichert und Augenoptik neu positioniert“. In seinem Vortrag ging der Referent darauf ein, wie wichtig die Aufklärung der Bevölkerung zum Thema Binokularsehen ist. Er beleuchtet anhand von Reichweitenzahlen und Zuschauerkommentaren, welche Auswirkungen binokulare Probleme auf Bildung, Alltag und Lebensqualität haben. 2025 hat er mit Hilfe seines Sohnes auch einen YouTube Kanal „Eltern Machen Erfolgreiche Kinder“ aufgebaut. Anhand eines Beispiels verdeutlichte der ehemalige Grund- und Hauptschullehrer, wie eine korrekte Brille das Leben des Schülers erleichtern konnte, der dadurch seine Binokularprobleme in den Griff bekam. Fazit: Eine prismatische Brillenkorrektion kann Sehdefizite beseitigen und aus einem vermeintlich schlechten Schüler einen erfolgreichen Schüler machen.
Visuelle Leistungsparameter
In seinem Vortrag stellte Bernhard Peuckert einen Testablauf vor, mit dem Störungen im Binokularsehen aufgedeckt werden können. Gleichzeitig wurden die Tests von Co-Referent Christian Kochniss praktisch demonstriert.
Aus dem OEP 21 (Optometric Extension Program) und der integrativen Analyse (nach Scheiman und Wick) sind visuelle Leistungsparameter (VLP) bereits lange bekannt. Die von den Referenten aufgezeigte Vorgehensweise der Messung von visuellen Leistungsparametern macht auch den Erfolg prismatischer Korrektionen sichtbar. Mit, von der IVBS bezahlten Einweisungsseminaren, wurden interessierten Augenoptikern/Optometristen der Ablauf zur einheitlichen Datenerhebung erklärt und eingeübt; ein Phoropter ist hierfür nicht erforderlich. Die Testergebnisse wurden in dem hierfür entwickelten Messprotokoll eingetragen. Die IVBS wird die erhobenen Datensätze auswerten lassen, um durch die Veränderungen der VLP den Erfolg der jeweils ergriffenen Massnahmen beweisen zu können.
Objektive Fixationsdisparität unter der Lupe der Netzhautbildgebung
Maximilian Freiberg ging der Frage nach, ob unsere Augen bei der Betrachtung eines Objektes wirklich perfekt synchronisiert sind und sie tatsächlich auf den exakt identischen Punkt blicken.
Die Forschung zur objektiven Fixationsdisparität (FD) zeigt, dass oft ein winziger motorischer Vergenzfehler besteht, selbst wenn der Mensch eine stabile und einfache Wahrnehmung hat. Lange Zeit waren diese minimalen Abweichungen jedoch hinter den Messungenauigkeiten herkömmlicher Eye-Tracking-Systeme verborgen. Der Referent präsentierte neue Erkenntnisse, die mit einem weltweit einzigartigen binokularen Scanning-Laser-Ophthalmoskop (bSLO) gewonnen wurden. Diese Technologie erlaubt es, die objektive FD nicht mehr nur indirekt über den vorderen Augenabschnitt zu schätzen, sondern direkt auf Ebene der Photorezeptoren zu visualisieren und zu quantifizieren. Es wurde untersucht, wie die objektive FD mit klassischen klinischen Parametern, wie der Heterophorie, zusammenhängt, ob ein retinaler Bildversatz durch eine „Zweckentfremdung der Panumbereiche“ tatsächlich zu einer schlechteren Stereosehschärfe führt und welchen Einfluss die Komplexität der Sehaufgabe auf das Fixationsverhalten auf Mikroebene hat.
MKH im Blick der Wissenschaft
Die MKH wird seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt, um Personen mit binokular bedingten Sehproblemen prismatisch zu korrigieren. Ein Ausdruck der internationalen Anerkennung der MKH ist die Tatsache, dass sie Bestandteil der Prüfungen zum Europadiplom ist. Volkhard Schroth zeigte in seinem Vortrag den Blick der Wissenschaft auf die MKH. Hierzu hatte er Fachartikel zur MKH aus den letzten 30 Jahren, die nach anerkannten Standards veröffentlicht wurden, unter die Lupe genommen. Die jeweiligen Kernaussagen wurden nach Themengruppen sortiert: theoretisches Konzept und Alleinstellungsmerkmale, Korrektionserfolge, Stereofunktionen und Erkenntnisse zu objektiver Fixationsdisparität.
Versorgungsoptionen bei Strabismus
Schielen oder Augenpositionsabweichungen haben unterschiedliche Ursachen. Der Augenarzt Dr. Robert Hörantner aus Österreich gab einen kurzen Überblick über die häufigsten Erkrankungen aus diesem Bereich, stellte die wesentlichen konservativen und chirurgischen Therapieoptionen dar und verglich sie anschaulich anhand grafischer Darstellungen. Der Schwerpunkt lag auf den chirurgischen Möglichkeiten bei einfachen und vor allem bei komplexen Bewegungsstörungen der Augen, sowie der vorherigen Simulation der Auswirkungen von Positionsänderungen der Augenbewegungsmuskeln.
Diskussion über Fachbegriffe zur MKH
Der angekündigte Vortrag von Prof. Robert Winn ist wegen kurzfristiger Absage ersetzt worden. Aufgrund aktueller Diskussionen nutzte Beate Göpel diese Gelegenheit, um kritische Anmerkungen zu Änderungen von Begriffen und Testbezeichnungen in den MKH-Richtlinien zu behandeln. Dabei geht es insbesondere um die Begriffe Fixationsdisparität, Konversdarbietung, Stereo-Verzögerungstest, Stereo-Dominanztest, Stereo-Sehschärfetest sowie intermittierende und verfestigte FD. War das sinnvoll? War das nötig? Warum und wozu? Die Änderungen werden anschaulich erläutert und begründet. Somit können die Zuhörer nachvollziehen, warum diese Anpassungen berechtigt und notwendig waren.
Kontaktlinsen bei prismatischen Verordnungen?
Diese Frage konnte Tobias Ecke eindeutig mit „Ja“ beantworten. Hochgradig Fehlsichtige und Anisometrope profitieren von einer Versorgung mit Kontaktlinsen. Zunächst wurde erläutert, warum Kontaktlinsenträger weniger asthenopische Beschwerden als Brillenträger (ohne Heterophorie-Korrektion) haben.
Da viele durch Brillengläser entstehende Abbildungsfehler mit Kontaktlinsen entfallen, reduzieren sich für das Sehsystem motorische und sensorische Ausgleichserfordernisse. Die so freigesetzten fusionalen Kompensationsreserven helfen, mit unkorrigierten Heterophorien besser klarzukommen. Danach legte der Referent anhand von Fallbeispielen dar, wie verschiedene Klientengruppen von der Versorgung mit Kontaktlinsen profitieren können. Bei hohen Ametropien und Anisometropien haben Kontaktlinsen eindeutig Vorteile. Ebenso sollte bei irregulären Hornhautsituationen zuerst die monokulare Abbildung mittels Kontaktlinsen verbessert werden. Bei Bedarf kann bei zusätzlich vorhandener, beschwerdeverursachender Heterophorie durch prismatische Brillengläser das Sehsystem entlastet werden.
Alles Ortho oder was?
Da sich die Augenoptik in einem steten Wandel befindet, Normen regelmässig überarbeitet werden, Arbeitsrichtlinien erstellt und auch neue Vorgehensweisen zum Umgang mit binokularen Problemen etabliert werden, entstehen unbewusst Probleme in der Kommunikation, besonders auch in der internationalen und interdisziplinären Fachsprache. Missverständnisse, die häufig daraus resultieren, dass es zu einem Begriff unterschiedliche Auffassungen gibt. Michael Hornig möchte mit seinem Vortrag dazu beitragen, die Kommunikation innerhalb der Augenoptik, sowie zwischen Augenoptik, Orthoptik und Ophthalmologie zu verbessern. Hierbei ist es wichtig, dass Begriffe verwendet werden, die für alle die gleiche Bedeutung haben.
Hans-Joachim-Haase-Preis
Der Hans-Joachim-Haase-Preis wurde im Sommer 2002 ins Leben gerufen und dient dem ehrenden Gedenken an Hans-Joachim Haase sowie der Förderung seines Lebenswerkes. In diesem Jahr ging der Preis an den ehemaligen Grund- und Hauptschullehrer Jan Dominiczak aus Maulbronn, der seit vielen Jahren an Schulen Aufklärungsarbeit zum Thema Binokularsehen und prismatische Korrektionen leistet. Mittlerweile betreibt er die Aufklärung erfolgreich auch mit Beiträgen auf TikTok und YouTube, die millionenfach aufgerufen werden. Die Laudatio hielt Elke Brandt, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der IVBS. Brandt betonte, dass sie sich erst durch die Aufklärungsarbeit von Jan Dominiczak intensiv mit der Kinderoptometrie beschäftigt habe, und dankte ihm dafür. Dieser war ehrlich überrascht, der Preisträger zu sein, denn dazu war er im Vorfeld nicht informiert. Die Ehrung war auch für das Publikum ein sehr emotionaler Moment und es gab stehenden Applaus für Jan Dominiczak.

In den Kaffee- und Mittagspausen fand ein reger Austausch zwischen Teilnehmern und Ausstellern statt. Durch die Integration der Ausstellerstände in die Pausenhalle waren für alle die Wege kurz, was für die Kommunikation sehr förderlich war. Vier neue Aussteller waren auch für langjährige Kongressteilnehmer sehr interessant.
Im kommenden Jahr findet der IVBS-Kongress am 05./06. Juni wieder in Siegburg statt.
Quelle und weitere Informationen: www.ivbs.org
