Willkommen im Zeitalter der Globalisierung

Die Globalisierung hat einen schlechten Ruf. Sie wird mit Klimawandel, Terror und Rechtspopulismus verbunden. Schütteln wir diese Endzeitfantasien doch einmal ab und blicken auf den Zustand der Menschheit als Ganzes. Zum Thema «Generation Global» hat das Frankfurter Zukunftsinstitut einen umfassenden Report veröffentlicht.

Wir leben im Zeitalter der Krisen – Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise – die uns zeigen, wo es lang geht mit der Menschheit. Nämlich steil bergab. Zumindest ist das der Eindruck, der entsteht, wenn man regelmässig Mainstreammedien verfolgt. Doch lässt man den täglichen alarmistischen Newsstream einmal ausser Acht und wirft einen Blick auf die Zahlen, offenbaren sich tief greifende positive Entwicklungen für den allgemeinen Zustand der Welt.


Die Zahl der Menschen, die in Armut leben müssen, verringert sich seit einem Jahrhundert – trotz steigender Bevölkerung. Zum ersten Mal in der Geschichte sind weniger als 10 Prozent der Menschen auf der Welt von extremer Armut betroffen. Allein 900 Millionen Chinesen werden bis zum Jahr 2020 der globalen Mittelschicht angehören. Ähnlich positive Tendenzen zeigen sich in allen möglichen Bereichen: Immer weniger Menschen auf der Welt müssen hungern, Grossstädte werden sicherer, die Anzahl der Gewalttaten sinkt, Bildung und insbesondere Alphabetisierung steigen in rasendem Tempo an. Wir haben erstmals in der Menschheitsgeschichte die luxuriöse Situation, dass mehr Menschen an Übergewicht sterben, als an Unterernährung.


Der Big-Data-Pionier und Gründer der Datenbank «Gapminder» Hans Rosling pflegte zu sagen: «Wenn Sie sich eine Frage zur Entwicklung der Welt stellen, ist die Antwort immer: Es wird besser. Langsam, aber besser.» Es ist also an der Zeit, unser Bild von Globalisierung zu korrigieren. Trotz der Schattenseiten, die globalisierte Produktionsketten und Warenströme mit sich gebracht haben, stehen wir als Menschheit besser da als je zuvor. Und so rutschen immer mehr Menschen auf der Welt von prekären Verhältnissen in die Mittelschicht. Das verändert insbesondere die Ziele, Wünsche und Perspektiven derjenigen Generation, die in eben diese Familien hineingeboren ist, in denen existentielle Ängste und Sorgen nicht mehr den Alltag bestimmen. Wir nennen sie die «Generation Global».


Globalisierung als Paradoxon
Globalisierung ist natürlich nicht nur ein ökonomischer, sondern vor allem auch ein sozialer Prozess. Und dieser geht nie nur in eine Richtung. Das paradoxe an der Globalisierung ist, dass sie gleichzeitig standardisiert und diversifiziert, zu mehr Einheitsbrei führt und zu mehr Komplexität, die sich in alle möglichen Richtungen spezialisiert. Einerseits trinken alle möglichen Leute überall auf dem Globus Pepsi und gucken Filme aus Hollywood, andererseits werden – vom Buddhismus über Zumba bis zu Holi-Festivals – ständig Elemente aus nicht-westlichen Kulturen in westlichen Gesellschaften integriert.  Heute leben wir in Städten, die bevölkert sind von Individuen, die in ihrer Lebensweise kaum heterogener sein könnten. Gleichzeitig ähneln sich die Global Cities untereinander teilweise mehr als die Grossstadt der benachbarten Kleinstadt im eigenen Land.


Wir müssen Globalisierung weniger als Einfluss einer dominanten Kultur auf eine andere sehen, als vielmehr in komplexen Wechselwirkungen denken, in denen ständig neue hybride Formen entstehen. Selbst Globalisierungsgegner organisieren sich in eben den globalisierten Strukturen, gegen die sie ankämpfen. Selbst der Terrorismus funktioniert ausschliesslich aufgrund globalisierter Medienberichterstattung und wäre ohne diese wirkungslos. In dieser Welt der Paradoxe und zahllosen dynamischen Verbindungen wächst gerade eine kaum sichtbare Generation von jungen, gebildeteten Menschen heran, die sich durch eine neue Haltung auszeichnet: die «Generation Global».


Tristan Horx, Zukunftsinstitut Frankfurt, Juli 2017

Gekürzter Auszug aus «Generation Global», Autoren: Tristan Horx, Cornelia Kelber, Verena Muntschick, Lena Papasabbas, erschienen 2017, 120 Seiten, ISBN: 978-3-945647-44-8, Preis: 125 Euro, zzgl. 7% MwSt.






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