Das Comeback der Markthalle

Schauen, essen, hören, kaufen: Designmärkte, Street-Food-Markets und Markthallen liegen im Trend. Steht die Frage im Raum: Muss ein Optik-Geschäft aussehen, wie ein Optik-Geschäft eigentlich immer ausgesehen hat? Oder lässt sich das auch ganz neu denken?

Designmärkte sind nicht nur in Deutschland seit einigen Jahren auf dem Vormarsch. Sie werben mit handgemachten Designprodukten abseits des Mainstreams. Produkte von handverlesenen jungen Designern und kleinen Labels laden die Besucher zum Entdecken und Kaufen ein. Meist stehen die Designer höchstperssnlich hinter den Verkaufsständen und erklären den Kunden ihre Produkte. Diese wiederum investieren in Selbstgemachtes und kreative Designs aus der eigenen Stadt. 

 

Temporär, flexibel, durchgestylt

Damit stehen solche Märkte auch für die Forderung nach mehr ansprechenden öffentlichen (Frei-)Räumen. Oft finden sie in leerstehenden Gewerbe- und Fabrikgebäuden ihren Platz, in ungestaltet brachliegenden urbanen Freiflächen. Märkte sind die Antwort auf diese Orte: temporär, flexibel und bis ins letzte Detail durchgestylt wirken sie raumverändernd. Sie besetzen Orte mit einer neuen Funktion und Nutzung. Sie verändern deren Charakter und machen sie exklusiv. Durch ihre Flexibilität können die Märkte sowohl ihr Sortiment als auch den Veranstaltungsort immer spontan auf Veränderungen der Nachfrage anpassen. Sie sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort. So wie die neuen Markthallen, die eine bewusste Gegenwelt zum urbanen Treiben bieten. 

 

Raum für Kreative

An diesen besonderen Orten in der Stadt bieten die Märkte jungen kreativen Designern (und Köchen) Raum, um sich und ihre Produkte zu präsentieren und zu verkaufen. Neue Marken schleichen sich hier unbemerkt in das Bewusstsein der Besucher ein. Die Märkte dienen als temporäre Plattformen, um Businesses auszuprobieren und neue Kunden zu akquirieren – jene Kunden, die Schritt für Schritt bereit sind, künftig nicht mehr nur zufällig über das Label zu stolpern, sondern gezielt einen festen Shop aufzusuchen. 

 

Festivalatmosphäre

Wo Design draufsteht, ist in Wahrheit noch viel mehr drin. Denn bei Designmärkten geht es nämlich nicht nur darum, Produkte zu verkaufen. Zentral ist es auch, eine Festivalatmosphäre zu schaffen. Den Besucher erwartet eine Kombination aus Waren, Kulinarik und Konzert: Einkaufen als Erlebnis, inszeniert als buntes Festival, der Schlüssel zum Erfolg. Von Mode, Taschen und Schmuck bis hin zu Möbeln und Wohnaccessoires erstreckt sich die Bandbreite der angebotenen Waren. Zusammen mit frischen Leckereien, kühlen Drinks und entspannter Musik entsteht so eine kreative Atmosphäre. 

 

Bunt gemischt

Die klassische Markthalle, die Güter des täglichen Bedarfs witterungsunabhängig anbietet, gibt es bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts. Heute erlebt sie eine Renaissance. Auch als Antwort auf Quartiers- und Zentrumsprobleme , indem sie teils an unchicen Orten Aufschwung und Belebung bringen sollen.  Betritt man eine Markthalle des 21. Jahrhunderts, verlässt man das hektische Gewusel der Strasse – eine grosse Halle tut sich auf. Im Inneren gibt es eine bunte Mischung aus Ständen und kleinen Läden, Kaffeezeilen und Slowfood. Der Landwirt aus der Region verkauft sein junges Gemüse direkt neben dem türkischen Laden, der den Orient auf vier Quadratmetern auspackt. Überhaupt gibt es Lebensmittel aus aller Welt. Das Konzept geht auf: Man flaniert durch die Gänge, schaut mal hier, riecht mal da, probiert mal dort. Es gibt viel zu sehen, zu riechen, zu schmecken. Das Einkaufen wird zum Aufenthalt. Die Erzeuger verkaufen ihre Produkte meist selbst, man kommt ins Gespräch, lernt sich bei regelmässigen Besuchen kennen. Kundenakquise nicht nur face to face, sondern auch auf der Gefühlsebene. Kaufen mit gutem Gewissen direkt beim Hersteller. 

 

Unendlich Retro

Ausserdem verkörpern Markthallen die wieder aufgeflammte Liebe zu alten historischen Dingen – den immer wiederkehrenden Retro-Trend. Beständigkeit ist die Antwort auf die immer umfassendere Globalisierung, die Schnelllebigkeit, das Sprunghafte. Alles ist in Bewegung, alles ist vernetzt. Da beruhigt etwas Solides, Beständiges, das einfach da ist. Die massiven historischen Hallen bieten genau das. Sie setzen die Nostalgie in Szene – ein Fels in der Brandung des umgebenden Stadtgefüges. Die Markthallen sind zum Treffpunkt geworden, egal ob kurz in der Mittagspause, um eine frische gesunde Kleinigkeit zu naschen, oder – ein neuerer Trend – abends ein Glas Bier oder Wein bei gepflegten Beats zu trinken. Wie bei den Design- und Street-Food-Märkten spielt die Bar- und Clubkultur eine immer grössere Rolle. Markhallen werden zum Teil eines Lifestyles, zum Ausdruck einer Kultur. Und zum Treffpunkt einer Generation, die ebenso gesundheits- und umweltbewusst wie genussvoll lebt.

 

Back to the roots

Design- und Street-Food-Märkte sowie Markthallen spiegeln ein gesellschaftliches Verlangen nach weniger Anonymität: Ihre Besucher sind auf der Suche nach Gleichgesinnten, es geht (auch) ums Sehen und gesehen werden, verbunden mit einer neuen Erlebnisqualität und dem Trend zur Entschleunigung, zum «Back to the roots». Die Besucher wünschen die Waren bio, fair, selbstgemacht, regional und am liebsten saisonal. Oder sie möchten mit ihrem Einkauf aktiv die Künstler und Produzenten vor Ort unterstützen. Als Kunden sind sie bereit, mehr Geld auszugeben (und mitunter sogar Eintritt zu zahlen), um einmalige, handgemachte Produkte zu erstehen – und sich damit als Trendsetter fühlen zu können.  Gut möglich, dass  Designmärkte und Markthallen noch andern Branchen Potenziale bieten können, um ausgetretene Pfade zu verlassen und neue Wege beim Absatz ihrer Produkte zu eröffnen.

 

Der Beitrag basiert auf dem Artikel «Märkte und Markthallen für Flaneure 2.0» von Julia Seiler und Olivia Schwedhelm / Zukunftsinstitut Frankfurt am Main

 





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